"Das sieht ja aus wie «Das ist meine Schulklasse»!", entfährt es unserem Keyboarder, als unser Sänger seinen Vorschlag vorbringt, wie wir die Bandvorstellung auf unserer zukünftigen Website gestalten könnten.
Schlagartig habe ich wieder das Bild dieses kleinen blauen Büchleins vor mir, das damals in der Grundschule mehr oder weniger zur Standardausrüstung gehörte und durch die Klasse kreiste. Gibt es heute noch so etwas? Oder tauscht man am ersten Schultag E-Mail-Adresse, Handynummer und den Mitgliedsnamen im DötzchenVZ aus?
Eins ist jedoch klar: Das Buch war tendenziell langlebiger. Allein schon durch den Aufwand, der dadurch entstand, dass man einem vollständigen Eintrag zuliebe erst einmal ein Foto von sich besorgen musste und der Eintrag selbst von Hand geschah. Die Schlaunasen von damals schrieben sogar mit einem Bleistift, um beispielsweise den Eintrag der Lieblingsband bei einem späteren Peinlichwerden derselbst korrigieren zu können - man war sich also schon bewusst, dass man auf längere Zeit auf diesen Eintrag festgenagelt werden könnte, damals wurde das Ende eine Freundschaft nicht einfach durch das Löschen eines Listeneintrags unter "meine Freunde" besiegelt. Wenn sich auf den Seiten davor und danach nicht zufällig Personen befanden, denen man auch gerade die Missgunst zusprach, konnte man noch nicht einmal jemanden einfach herausreißen. In der Regel beschränkte man sich so auf ein malerisches Verunstalten des eingeklebten Fotos oder kommentierte die Einträge mit kleinen Boshaftigkeiten. Anders herum ist es wahrscheinlich nur biologischen Einschränkungen samt mangelnder Reife und Einfallsreichtum zu verdanken, dass andere, der Kategorie "äußerst beliebt" zuzuordnende Einträge, nicht aneinanderkleben. Machen wir uns nichts vor.
Kurzum: mit der entsprechenden Sorgfalt suchte man sich diejenigen aus, die sich in das Buch eintragen durften und ebenso sorgfältig erstellte man seinen eigenen Eintrag in den Büchern anderer.
In meinem Gedächtnis hat sich auch die hoffnungslose Überforderung mancher Kandidaten festgehalten. Slatko beispielsweise füllte die Frage nach einem unveränderlichen Kennzeichen schmerzfrei mit dem Autokennzeichen seines Vaters, während Bilal, wahrheitsgemäß aber leicht an der Fragestellung vorbei, als Geburtsort "Krankenhaus" angab. Apropos Geburtsort: in den frühen Jahren meiner Schulbildung wurde ich, auch dank dieses Buches, die Vorstellung nicht los, dass sich sämtliche türkische Mütter zur Niederkunft nach Ankara begaben. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass dieser Ort fast ausschließlich (einzige Ausnahme: das oben erwähnte Krankenhaus unbekannter näherer Lokation) als Geburtsstätte angegeben wurde.
Im übrigen war Slatko immer schon unvergleichlich, was die Interpretation von Aufgabenstellungen anging. So brachte er eine Klassenarbeit, wie verlangt, unterschrieben zur Lehrerin zurück - allerdings nicht von seinen Eltern, sondern von sich selbst. Bilal blieb uns nicht nur dadurch in Erinnerung, dass er proaktiv dazu beitrug, dass die gesamte Klasse gegen Gelbsucht geimpft wurde, nein, unvergessen auch seine Performance in der Handarbeitsstunde, wo er sich auf ein Nadelkissen setzte und mit einem Schrei aufsprang, der mir heute noch in den Ohren klingelt: "Au, mein Arsch!". Das letzte Wort gehörte damals übrigens noch nicht zu unserem täglichen Sprachgebrauch.
Hach ja. Ich muss doch mal im Keller nachschauen, ob ich das Buch nicht noch irgendwo habe. Und bei der Gelegenheit Tim daran erinnern, dass er mir noch ein Foto nachreichen wollte.
Schlagartig habe ich wieder das Bild dieses kleinen blauen Büchleins vor mir, das damals in der Grundschule mehr oder weniger zur Standardausrüstung gehörte und durch die Klasse kreiste. Gibt es heute noch so etwas? Oder tauscht man am ersten Schultag E-Mail-Adresse, Handynummer und den Mitgliedsnamen im DötzchenVZ aus?
Eins ist jedoch klar: Das Buch war tendenziell langlebiger. Allein schon durch den Aufwand, der dadurch entstand, dass man einem vollständigen Eintrag zuliebe erst einmal ein Foto von sich besorgen musste und der Eintrag selbst von Hand geschah. Die Schlaunasen von damals schrieben sogar mit einem Bleistift, um beispielsweise den Eintrag der Lieblingsband bei einem späteren Peinlichwerden derselbst korrigieren zu können - man war sich also schon bewusst, dass man auf längere Zeit auf diesen Eintrag festgenagelt werden könnte, damals wurde das Ende eine Freundschaft nicht einfach durch das Löschen eines Listeneintrags unter "meine Freunde" besiegelt. Wenn sich auf den Seiten davor und danach nicht zufällig Personen befanden, denen man auch gerade die Missgunst zusprach, konnte man noch nicht einmal jemanden einfach herausreißen. In der Regel beschränkte man sich so auf ein malerisches Verunstalten des eingeklebten Fotos oder kommentierte die Einträge mit kleinen Boshaftigkeiten. Anders herum ist es wahrscheinlich nur biologischen Einschränkungen samt mangelnder Reife und Einfallsreichtum zu verdanken, dass andere, der Kategorie "äußerst beliebt" zuzuordnende Einträge, nicht aneinanderkleben. Machen wir uns nichts vor.
Kurzum: mit der entsprechenden Sorgfalt suchte man sich diejenigen aus, die sich in das Buch eintragen durften und ebenso sorgfältig erstellte man seinen eigenen Eintrag in den Büchern anderer.
In meinem Gedächtnis hat sich auch die hoffnungslose Überforderung mancher Kandidaten festgehalten. Slatko beispielsweise füllte die Frage nach einem unveränderlichen Kennzeichen schmerzfrei mit dem Autokennzeichen seines Vaters, während Bilal, wahrheitsgemäß aber leicht an der Fragestellung vorbei, als Geburtsort "Krankenhaus" angab. Apropos Geburtsort: in den frühen Jahren meiner Schulbildung wurde ich, auch dank dieses Buches, die Vorstellung nicht los, dass sich sämtliche türkische Mütter zur Niederkunft nach Ankara begaben. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass dieser Ort fast ausschließlich (einzige Ausnahme: das oben erwähnte Krankenhaus unbekannter näherer Lokation) als Geburtsstätte angegeben wurde.
Im übrigen war Slatko immer schon unvergleichlich, was die Interpretation von Aufgabenstellungen anging. So brachte er eine Klassenarbeit, wie verlangt, unterschrieben zur Lehrerin zurück - allerdings nicht von seinen Eltern, sondern von sich selbst. Bilal blieb uns nicht nur dadurch in Erinnerung, dass er proaktiv dazu beitrug, dass die gesamte Klasse gegen Gelbsucht geimpft wurde, nein, unvergessen auch seine Performance in der Handarbeitsstunde, wo er sich auf ein Nadelkissen setzte und mit einem Schrei aufsprang, der mir heute noch in den Ohren klingelt: "Au, mein Arsch!". Das letzte Wort gehörte damals übrigens noch nicht zu unserem täglichen Sprachgebrauch.
Hach ja. Ich muss doch mal im Keller nachschauen, ob ich das Buch nicht noch irgendwo habe. Und bei der Gelegenheit Tim daran erinnern, dass er mir noch ein Foto nachreichen wollte.
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Poesiealbum?
Und wir hatten damals wenigstens echte Migranten. Heute haben die ja alle nur noch Hintergrund! ;-)