Was machst Du eigentlich beruflich? - diese Frage stellt so manches mal den weiteren Verlauf eines bis dato angenehmen Gespräches auf eine harte Prüfung, denn die Antwort lautet: Ich bin Anwendungsentwickler.
Die Antwort beinhaltet oftmals große Augen, einen fragenden Gesichtsausdruck oder einen Satz in der Form von: Ach, so ein Hacker, der den ganzen Tag kryptisches Zeug in den Computer hackt? Da verstehe ich ja gar nichts von, ich bin schon froh, wenn ich mein Excel öffnen kann.
Ist das nicht furchtbar spröde?
Da haben wir den Salat. Ich, derjenige, der bei dem Begriff "HTML-Programmierung" nervösen Hautausschlag bekommt, sitze jemandem gegenüber, der von meinem Beruf nur ein unzureichendes und klischeehaftes Bild hat, welches ihm durch Filme und Serien vermittelt wird: Der blasse, pickelige Geek mit der unmöglichen Frisur, Hornbrille, ein T-Shirt mit Atari-Logo oder irgendwelchen unverständlichen Aussagen tragend, vor ihm eine zugesiffte Tastatur, der Aschenbecher übervoll und eine schiere Masse an Kaffeetassen und leeren Fast-Food-Behältnissen vor sich, arbeitet mehr nachts als tagsüber, gibt auf Fragen nur seltsames Gefasel von sich, hackt mit unglaublicher Geschwindigkeit irgend ein Zeug in die Tastatur, starrt auf seine Bildschirme und kommt in einer der nächsten Szenen mit einem albern langen Ausdruck um die Ecke, den vorzeigend er atemlos berichtet, er habe das Opfer anhand einer mehrdimensionalen logarithmisch egalisierten Kreuzpeilung lokalisieren können: Direkt vor einer Mikrowelle mit einem linksherum rotierenden Drehteller in einer Milchbar in Ontario.
Nun gut, ich bin Brillenträger, Raucher, leidenschaftlicher Kaffeetrinker und habe Übergewicht. Die Eigenschaften teile ich aber mit einer großen Menge von Menschen in anderen Berufen. Ok, zugegeben, hin und wieder sieht man mich auch mit einem T-Shirt, dessen Aufdruck fachfremde Personen schon mal zu einem Stirnrunzeln verleitet. Ansonsten bin ich aber eigentlich ziemlich normal, denke ich. Das mit dem kryptischen Zeug relativiert sich auch schnell, wenn man meinen mit anderen Berufen vergleicht. Ebensowenig, manch Außenstehender meinen Programmcode versteht, so hilflos muss ich mit den Achseln zucken, wenn ein Chemiker von seien Formeln schwärmt, wenn unsere Buchhalterin den Mund aufmacht oder der Heizungsmonteur mir erklärt, warum die Dusche in dem Moment eiskalt wird, wenn ich gerade die Arme hochstrecke und leise seufze.
Die Ausführungen meiner Freundin zu pharmazeutischen Themen verstehe ich maximal ansatzweise mit der Wikipedia im Anschlag, vor einer Steuererklärung sitze ich mehr oder weniger hilflos. Und, ganz nebenbei: Mit meinen Freunden unterhalte ich mich nicht nur über die neueste Ubuntu-Distribution und ich spiele äußerst analoge Musikinstrumente. Ich habe kein aufgemotztes Alter Ego in Second Life oder World of Warcraft, eine LAN-Party habe ich noch nie von innen gesehen. Ich bin noch nicht einmal mobil online, womit ich so manchen Nicht-Geeks um Längen hinterherhänge.
Also greife ich zu Analogien. Ich gebe einem ziemlich gut dressierten Hund Befehle und lasse mir diverse Stöckchen bringen. Ich baue Maschinen zusammen, aus lauter Zahnrädern und Hydraulikleitungen, die mit möglichst wenig Energieverbrauch möglichst viel Masse transportieren und umformen. Ich stricke Norwegerpullover, auf denen, Reihe um Reihe, Bilder von Elchen entstehen.
Und, was der Unwissende gerne übersieht oder unsereins gar abspricht: Ich arbeite mit viel Phantasie, genau genommen Abstraktionsvermögen.
Aus Vorstellungen, Wünschen, einer hingekritzelten Skizze konstruiere logische Abläufe, die ich in Code umsetze. Das sind viele Sachen, die im Backend, also ohne direkten Kontakt zum Benutzer ablaufen. Die zuvor beschriebenen dressierten Hunde, die auf meine Kommandos loslaufen. Die Faszination dessen ist Außenstehenden zugegebenermaßen eher schwer zu vermitteln.
Interessanter ist in dieser Hinsicht das Frontend, also der Bereich, mit dem der Mensch zu tun hat, den er zu Gesicht bekommt. Das, was der Besucher einer Website im Browser sieht.
Für den rein visuell orientierten Menschen ist das, was wir dort fabrizieren, oftmals ein Anlass ausufernden Unverständnisses. Zeichenfolgen, die aneinandergereiht werden, sollen am Ende optisch was hermachen? Warum dieser Aufwand? Es gibt doch WYSIWYG-Editoren, mit denen man die Inhalte bequem mit der Mouse so platziert und bearbeitet, dass es schön aussieht - das ist doch Webdesign, was will man mehr? Was Du machst, ist doch unkreative Techno-Pornografie!
Aber nein! Auch ich schwinge meinen Pinsel, nur anders. Mit den richtigen Methoden lässt man Inhalte aufleben, anstatt sie nur dem Auge gefällig zu gestalten. Die Vielschichtigkeit ist es, die man ausreizen will. HTML ist per se weniger ein Mittel, Inhalte darzustellen, als sie zu beschreiben; ein Missverständnis, dass sich aus diversen Gründen schon seit einigen Jahren hinzieht. Ein Text muss als erstes strukturell aufbereitet werden, dann erst kommt die Verzierung fürs Auge drauf. Ein
All das sind Aufgaben, die sich in unserer Branche in den Bereichen überschneiden; das schöne Wort dazu nennt sich "Interdisziplinarität". Wir würden nur gegeneinander anarbeiten, würden wir nicht unsere Schnittstellen kennen: Der Designer oder Layouter muss wissen, welche Möglichkeiten die Technologien bereitstellen und wo ihre Grenzen sind, ebenso muss ich die Vorgaben so umsetzen können, dass am Ende auch der Designer sein OK gibt.
Natürlich werfen wir uns gegenseitig gerne und oft ein "Pixelschubser!" oder "Hacker!" an den Kopf, das jedoch seltenst ohne ein Lächeln und gegenseitigen Respekt, denn, wenn auch manchmal nur in Ansätzen, wissen wir, was der andere tut, warum er es tut und wie wir es am besten miteinander schaffen. Wer sich dem verschließt und nur mit Scheuklappen an seinem eigenen kleinen Kuchen backt, der läuft sehr schnell vor Wände, die er sich selbst aufgestellt hat.
Um mit einer Analogie zu schließen: Ein Felgendesigner wird wenig erfolgreich sein, wenn er bei seiner Arbeit die Bremsen nicht berücksichtigt.
P.S.: Ich kann keine Mikrowellen in Ontario orten. Nur für den Fall, dass Sie auf dumme Gedanken gekommen sind.
Die Antwort beinhaltet oftmals große Augen, einen fragenden Gesichtsausdruck oder einen Satz in der Form von: Ach, so ein Hacker, der den ganzen Tag kryptisches Zeug in den Computer hackt? Da verstehe ich ja gar nichts von, ich bin schon froh, wenn ich mein Excel öffnen kann.
Ist das nicht furchtbar spröde?
Da haben wir den Salat. Ich, derjenige, der bei dem Begriff "HTML-Programmierung" nervösen Hautausschlag bekommt, sitze jemandem gegenüber, der von meinem Beruf nur ein unzureichendes und klischeehaftes Bild hat, welches ihm durch Filme und Serien vermittelt wird: Der blasse, pickelige Geek mit der unmöglichen Frisur, Hornbrille, ein T-Shirt mit Atari-Logo oder irgendwelchen unverständlichen Aussagen tragend, vor ihm eine zugesiffte Tastatur, der Aschenbecher übervoll und eine schiere Masse an Kaffeetassen und leeren Fast-Food-Behältnissen vor sich, arbeitet mehr nachts als tagsüber, gibt auf Fragen nur seltsames Gefasel von sich, hackt mit unglaublicher Geschwindigkeit irgend ein Zeug in die Tastatur, starrt auf seine Bildschirme und kommt in einer der nächsten Szenen mit einem albern langen Ausdruck um die Ecke, den vorzeigend er atemlos berichtet, er habe das Opfer anhand einer mehrdimensionalen logarithmisch egalisierten Kreuzpeilung lokalisieren können: Direkt vor einer Mikrowelle mit einem linksherum rotierenden Drehteller in einer Milchbar in Ontario.
Nun gut, ich bin Brillenträger, Raucher, leidenschaftlicher Kaffeetrinker und habe Übergewicht. Die Eigenschaften teile ich aber mit einer großen Menge von Menschen in anderen Berufen. Ok, zugegeben, hin und wieder sieht man mich auch mit einem T-Shirt, dessen Aufdruck fachfremde Personen schon mal zu einem Stirnrunzeln verleitet. Ansonsten bin ich aber eigentlich ziemlich normal, denke ich. Das mit dem kryptischen Zeug relativiert sich auch schnell, wenn man meinen mit anderen Berufen vergleicht. Ebensowenig, manch Außenstehender meinen Programmcode versteht, so hilflos muss ich mit den Achseln zucken, wenn ein Chemiker von seien Formeln schwärmt, wenn unsere Buchhalterin den Mund aufmacht oder der Heizungsmonteur mir erklärt, warum die Dusche in dem Moment eiskalt wird, wenn ich gerade die Arme hochstrecke und leise seufze.
Die Ausführungen meiner Freundin zu pharmazeutischen Themen verstehe ich maximal ansatzweise mit der Wikipedia im Anschlag, vor einer Steuererklärung sitze ich mehr oder weniger hilflos. Und, ganz nebenbei: Mit meinen Freunden unterhalte ich mich nicht nur über die neueste Ubuntu-Distribution und ich spiele äußerst analoge Musikinstrumente. Ich habe kein aufgemotztes Alter Ego in Second Life oder World of Warcraft, eine LAN-Party habe ich noch nie von innen gesehen. Ich bin noch nicht einmal mobil online, womit ich so manchen Nicht-Geeks um Längen hinterherhänge.
Also greife ich zu Analogien. Ich gebe einem ziemlich gut dressierten Hund Befehle und lasse mir diverse Stöckchen bringen. Ich baue Maschinen zusammen, aus lauter Zahnrädern und Hydraulikleitungen, die mit möglichst wenig Energieverbrauch möglichst viel Masse transportieren und umformen. Ich stricke Norwegerpullover, auf denen, Reihe um Reihe, Bilder von Elchen entstehen.
Und, was der Unwissende gerne übersieht oder unsereins gar abspricht: Ich arbeite mit viel Phantasie, genau genommen Abstraktionsvermögen.
Aus Vorstellungen, Wünschen, einer hingekritzelten Skizze konstruiere logische Abläufe, die ich in Code umsetze. Das sind viele Sachen, die im Backend, also ohne direkten Kontakt zum Benutzer ablaufen. Die zuvor beschriebenen dressierten Hunde, die auf meine Kommandos loslaufen. Die Faszination dessen ist Außenstehenden zugegebenermaßen eher schwer zu vermitteln.
Interessanter ist in dieser Hinsicht das Frontend, also der Bereich, mit dem der Mensch zu tun hat, den er zu Gesicht bekommt. Das, was der Besucher einer Website im Browser sieht.
Für den rein visuell orientierten Menschen ist das, was wir dort fabrizieren, oftmals ein Anlass ausufernden Unverständnisses. Zeichenfolgen, die aneinandergereiht werden, sollen am Ende optisch was hermachen? Warum dieser Aufwand? Es gibt doch WYSIWYG-Editoren, mit denen man die Inhalte bequem mit der Mouse so platziert und bearbeitet, dass es schön aussieht - das ist doch Webdesign, was will man mehr? Was Du machst, ist doch unkreative Techno-Pornografie!
Aber nein! Auch ich schwinge meinen Pinsel, nur anders. Mit den richtigen Methoden lässt man Inhalte aufleben, anstatt sie nur dem Auge gefällig zu gestalten. Die Vielschichtigkeit ist es, die man ausreizen will. HTML ist per se weniger ein Mittel, Inhalte darzustellen, als sie zu beschreiben; ein Missverständnis, dass sich aus diversen Gründen schon seit einigen Jahren hinzieht. Ein Text muss als erstes strukturell aufbereitet werden, dann erst kommt die Verzierung fürs Auge drauf. Ein
<b> lässt einen Text fett erscheinen, ein <strong> sagt aus, dass dieser Teil besonders hervorgehoben wird. Auch wenn beides hinterher im Browser beides aussieht, sind es doch grundlegend verschiedene Bedeutungen. Ich habe einmal die interessante Erfahrung gemacht, mit einem blinden Anwender zusammenzuarbeiten, der mittels Braillezeile und Sprachsynthesesoftware durch das weltweite Netz surft. Barrierefreiheit bedeutet weitaus mehr, als die Schriftgröße rentnertauglich zu wählen. Wenn man selbst mal ein HTML-Dokument nicht gesehen, sondern gehört hat, erkennt man schlagartig den Sinn von logischen Textauszeichnungen und aus vermeintlichen Pingeligkeiten von richtlinienverliebten Korrektheitspredigern werden sinnvolle Überlegungen. Dann erst kommt die visuelle Ebene, auch wieder ein Bereich, der viel Menschenkenntnis erfordert, die man unter dem Schlagwort "Usability" zusammenfasst: Der Mensch muss mit der Technik zurechtkommen, und das möglichst intuitiv.All das sind Aufgaben, die sich in unserer Branche in den Bereichen überschneiden; das schöne Wort dazu nennt sich "Interdisziplinarität". Wir würden nur gegeneinander anarbeiten, würden wir nicht unsere Schnittstellen kennen: Der Designer oder Layouter muss wissen, welche Möglichkeiten die Technologien bereitstellen und wo ihre Grenzen sind, ebenso muss ich die Vorgaben so umsetzen können, dass am Ende auch der Designer sein OK gibt.
Natürlich werfen wir uns gegenseitig gerne und oft ein "Pixelschubser!" oder "Hacker!" an den Kopf, das jedoch seltenst ohne ein Lächeln und gegenseitigen Respekt, denn, wenn auch manchmal nur in Ansätzen, wissen wir, was der andere tut, warum er es tut und wie wir es am besten miteinander schaffen. Wer sich dem verschließt und nur mit Scheuklappen an seinem eigenen kleinen Kuchen backt, der läuft sehr schnell vor Wände, die er sich selbst aufgestellt hat.
Um mit einer Analogie zu schließen: Ein Felgendesigner wird wenig erfolgreich sein, wenn er bei seiner Arbeit die Bremsen nicht berücksichtigt.
P.S.: Ich kann keine Mikrowellen in Ontario orten. Nur für den Fall, dass Sie auf dumme Gedanken gekommen sind.
banger | persönlich. | 6. Jul, 23:58
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