Dienstag, 30. Juni 2009

Will man in Foren, Kommentarbereichen oder anderen Orten der gemeinsamen schriftlichen Kommunikation mal einen richtig herben Schlagabtausch herbeiführen, so gibt es erfahrungsgemäß einen todsicheren Trigger dafür: Rechtschreibung, respektive das Anmerken oder -mahnen von Mängeln derselben.
Postwendend wird eine Diskussion losbrechen, in der man sich Schlagworte wie "Toleranz", "Rechtschreibnazi", "Besserwisser" und "Hochnäsigkeit" argumentativ um die Ohren (besser: vor die Augen) wirft. Mit ziemlicher Sicherheit wird auch ein trotziges Aber es weiß doch jeder, was ich meine! vorgebracht, oder, schlimmer noch: Man muss es ja nicht lesen, wenn es einem nicht gefällt!
Kurzum: Wer anderen eine fehlerhafte Rechtschreibung vorwirft oder sie auch nur darauf hinweist, wird als überkorrekter Motzkopf abgekanzelt.

Dabei ist die Sache doch diese: Wir bewegen uns hier in einem Medium, wo vorwiegend schriftlich miteinander kommuniziert wird. Dementsprechend sollte man Wert auf das Geschriebene legen, ebenso wie man in der Regel nicht mit einem Mettbrötchen im Mund telefoniert.

Die Fressmöbel nimmt man zum Sprechen aus dem Mund, um besser verstanden zu werden und seinem Gesprächspartner zu signalisieren, dass man einen gewissen Wert auf die stattfindende Kommunikation legt. Das ist selbstverständlich.
Im meinem beruflichen Umfeld gibt es sowohl in unserer Firma als auch extern einen Haufen Leute, die mit Kommunikation einen Haufen Geld verdienen. Die sich in stundenlangen Sitzungen gegenseitig lächelnd sorgsam zurechtgelegte Sätze präsentieren. Bekommt man aber mal den Schriftverkehr zwischen diesen Personen zu sehen, treibt es einem die Schamesröte ins Gesicht.
Eine E-Mail voller Rechtschreib- und Grammatikfehler zu verschicken ist in meinen Augen ein Mittel, dem Empfänger zu sagen, dass man ihn nicht für voll nimmt.

Hinzu kommt, dass Fehler gerne adaptiert werden und die Falschschreibung dadurch immer weiter verankert wird. Versuchen Sie doch mal, den Leuten die Schreibweise Standart abzugewöhnen!

Dieser Text beschreibt die Problematik recht gut:
Es ist der sprachliche Inzesteffekt, der so gefährlich ist: Jemand schreibt schlecht - beherrscht vielleicht nicht einmal den Unterschied zwischen mann und man. Kann ß und ss nicht auseinanderhalten. Weiß nicht, daß [sic!] auf die allermeisten Satzzeichen Leerzeichen folgen. Kurzum: Jemand, der schon in der Grundschule aufgegeben hat, sein Schreibvermögen zu verbessern. Wenn so einer das tut, was angezeigt ist, nämlich nach Möglichkeit nur seine Unterschrift zu schreiben, richtet er keinen Schaden an.

Tobt er dagegen durch Blogs und demonstriert seinen reichlichen Schatz von törichten Fehlern, so wird er gelesen. Gelesen von Menschen, die richtig sprechen und schreiben können, die nur den Kopf schütteln. Gelesen aber auch von vielleicht Unsicheren, von Ausländern, die sich bemühen, Deutsch zu lernen, von jungen Menschen, die gerade erst beginnen, Sprachgefühl zu entwickeln. Die lesen also wie gesagt das fehlertriefende Machwerk, übernehmen Stil- und Grammatikversagen und schreiben nunmehr selbst so. Sie werden wiederum gelesen vom erstgenannten, schlechten Schreiber, der übernimmt... und so weiter und sofort. Sprachlicher Inzest, und am Ende der Entwicklung steht monotones Grunzen und eine Armee von Gutmenschen, die auf jeden einschlägt, der sagt, daß sprechen früher doch irgendwie schöner war.

(Kommentar von Leser Tom im Bestatterweblog)

Dem schließe ich mich - abgesehen vom ß-Fehler - zu 100% an. Die Reaktionen darauf können Sie sich bestimmt denken, oder im Bestatterweblog nachlesen.

Kurzum: Es scheint gesellschaftlich akzeptiert zu sein, sprachlich grob zu schludern. Fügt man sich dem nicht, gibt es Haue.

Disclaimer, aus Erfahrung: Dieser Text richtet sich nicht gegen Menschen, die unter LRS leiden oder aus anderen Gründen die Sprache und/oder Rechtschreibung nicht beherrschen. Es geht um Leute, die die Möglichkeit hätten, anständig zu schreiben, aber zu faul, doof, oder bequem sind, sie zu nutzen.
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Standart

ist Kunst an einer Verkaufseinrichtung. In Deutschland allerdings noch nicht Standard.

Nicht nur, dass ich die Argumentation verstehe und unterstuetze, alleine, was diesen Menschen entgeht, wenn man ein wenig mit der Bedeutung von Woertern spielen kann, mit Ausdruecken, Sinnwechseln je nach Betonung. Eine Spielerei, die hier in der Bloglandschaft wenige, dafuer aber sehr intelligente Blogger beherrschen.

viel schlimmer finde ich den effekt für die schludernden.
wenn ich einen text mit den von Ihnen eh schon erwähnten fehlern lese, verstehe ich ja tatsächlich die aussage trotzdem. allerdings mache ich mir dann eben auch ein bild (wenn Sie möchten auch "vorurteil") über den sonstigen intelligenzzustand des betroffenen...

Unlängst führte ich eine kurze, wenn auch noch sachliche Auseinandersetzung in den Kommentaren eines anderen Blogs über die Verwendung des Apostroph zur Hervorhebung von Eigennamen. Geschlagen wurde ich mit dem Verweis auf §97 E der amtlichen Sprachregelung (mir sei ein kurzes, kräftiges 'Verdammt!' erlaubt), die Hervorhebung von Eigennamen durch Apostrophierung gestattet. Eine Diskussion über die Akzeptanz falscher, oder vielmehr unsinniger Regelungen durch Paragraphenhörigkeit und darüber, dass etwas noch lange nicht richtig sein muss, weil es viele falsch machen, habe ich bewusst nicht vom Zaun gebrochen; zu unwürdig war mir ein Gestreite mit jemandem, der glaubte, Linguist zu sein, weil er den Duden durchzublättern und einen Paragraphen zu zitieren in der Lage war. Traurig das. Aber immerhin kannte der Diskussionspartner den Duden, was mitunter auch schon als Pluspunkt zu sehen ist.

Sie meinen solche Konstrukte wie "Sandro's Frittentempel"? Finde ich auch fürchterlich, ist aber mittlerweile leider erlaubt.

Genau das meinte ich. Gehört meiner Meinung nach verboten, aber wer fragt mich schon?
Schlimm finde ich, was substantiell dahintersteht, nämlich die Anpassung der Regel an den Regelverletzer. Stehlen wird ja auch nicht erlaubt, nur weil es viele machen, oder?

Der Punkt mit den Anpassungen ist streitbar. Natürlich ist Sprache organisch und wandelt sich im Laufe der Zeit; so manches, was für uns in Ordnung scheint, hat unseren Großeltern noch Herzkasper beschert.
Aber das sollte keine Rechtfertigung für die generelle Legitimation von Gebräuchen sein, die nach dem aktuellen Stand fehlerhaft sind. Ich hoffe, sinnlose wörtliche Übersetzungen wie "Sinn machen" anstatt "Sinn ergeben" bekommen nie einen offiziellen Segen - ansonsten werden wir uns aber leider damit abfinden müssen.

Natürlich haben Sie in dem Punkt recht, und gerade mir als Linguistin ist es ein Fest, Sprachwandel zu beobachten, zu dokumentieren und zu abstrahieren. Dennoch handelt sich bei einigen Veränderungen nicht bloß um orthographische Feinheiten sondern um einen strukturellen Abbau, den ich persönlich nicht positiv bewerte, aber das ist ja mein Privatvergnügen. Damit wird man wohl leben müssen. Ist ja auch alles halb so wild.

Ich würde behaupten, in der Angelegenheit "Wandel ./. Abbau" sind wir beide uns zu 100% einig.

Wenn der Autor konsequent nach der alten Rechtschreibung schreibt, ist das ß in daß nicht nur in Ordnung sondern als einziges richtig.

Ich wüsste nicht, was - abgesehen von eben diesem ß - aus dem Zitat der aktuellen Rechtschreibregelung nicht entspräche.

Die "ich schreibe nur nach der alten Rechtschreibung, weil damals alles besser war"-Typen sind übrigens keinen Deut besser als die "kann doch jeder verstehen, was ich meine"-Vertreter. Beide gestalten ihr Geschriebenes nur nach den eigenen Vorlieben.

"Intelligente Blogger" hier?

Das würde ich dann doch zunächst mal für ein Gerücht halten. Mir ist eine bekackte formelle Rächtschraibung egal. Es zählt der Inhalt dessen was jemand schreibt. Die sogenannte korrekte Rechtschreibung ist doch letztlich nur etwas für Korinthenkacker und Erbsenzähler.
Es reicht jemanden höflich darauf hinzuweisen wenn er „grobe“ Fehler macht. Dieses festmachen von Intellekt an einer wie auch immer gearteten Rechtschreibung zeugt von einem konservativ dummen Weltbild. Weniger von Intelligenz.

Es zählt der Inhalt dessen was jemand schreibt.
Das sowieso. Aber selbst den vermisse ich bei Ihrem Beitrag. Sie liefern hier nur das übliche Bellen und Kreischen, das ich im Beitrag schon skizziert habe.
Aber ist schon in Ordnung, sie bestätigen meine Beobachtungen und erfüllen die Quote.

P.S.: Lesen Sie doch bitte noch einmal genau nach, worauf sich Herr Pathologe bezog, als er von "intelligenten Bloggern" schrieb. Lesen und Verstehen sind nämlich durchaus Indizien für vorhandene Intelligenz. Wenn Sie diese Formulierung schon zitieren, dann achten Sie bitte auf den Kontext.

Keiner will nur nicht genannt werden...

Ist schon erstaunlich, wie gewisser Blogger hier um die Ecke kommen... und einmal mehr die eigenen intellektuellen Fähigkeiten präsentieren... aber so ist das, wenn der eigenen geistige Horizont einen Radius gegen Null hat...

Verzeihung, aber daß jemand, der nach den alten Orthographieregeln schreibt, "nach Belieben" schreibt, ist Unsinn. Natürlich schreibt er nicht nach Gusto sondern nach einem hundert Jahre in Gebrauch gewesenen, bis vor kurzem verbindlichen Regelwerk, das nicht besser oder schlechter war als das alte.

Wenn im fraglichen Beitrag "nichts den neuen Regeln nicht entspricht", bedeutet das keineswegs, daß der Verfasser sich nach dem neuen Regelwerk hatte richten wollen. Denn der übrige Text enthält gar keine Passagen, deren alte Schreibung sich von der neuen unterschiede.

Nun, de facto ist die alte Rechtschreibung aber nicht mehr gültig. Ein willentliches Festhalten daran ist durchaus als "beliebig" zu werten.
So manches ist mir ebenso wie anderen zuwider - was in erster Linie aus der Gewohnheit entspringt - und so bin ich recht dankbar, dass ich im Alltag relativ selten Worte wie "Delfin" verwenden muss und der Rhythmus seine herausfordernde Schreibweise behalten hat.
Wenn ich aber mit Tempo 100 in einer 50-Zone geblitzt werde, hilft es recht wenig, darauf zu bestehen, dass man dort bis 2001 jahrzehntelang 100 fahren durfte.
Denn der übrige Text enthält gar keine Passagen, deren alte Schreibung sich von der neuen unterschiede.
Nichts anderes wollte ich ausdrücken.

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Wo war noch gleich...

 

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